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Praxis & Erfahrungen

Handwerksbetrieb übernehmen: Meisterpflicht & Co.

Als österreichischer Unternehmer schätzen Sie die Chancen im Handwerk – volle Auftragsbücher, stabile Margen, goldener Boden. Doch ohne Meisterbrief und ohne Mannschaft läuft nichts. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie typische Fallen bei der Übernahme von Installateuren, Tischlern & Co. vermeiden, die österreichische Gewerbeordnung sicher navigieren und den Fachkräftemangel überwinden.

AdoptaBizz Redaktion2. Jänner 20262 Aufrufe
Handwerksbetrieb übernehmen: Meisterpflicht & Co.

Überblick

Sie haben die Zahlen gesehen: Der Auftragseingang im österreichischen Handwerk steigt seit Jahren ungebrochen, die Margen in der Installation und Tischlerei liegen stabil bei 8-12 Prozent, und die Konjunkturprognosen der WKO sprechen vom "goldenen Boden". Doch bevor Sie sich auf die Suche nach einem zu übernehmenden Betrieb machen, sollten Sie eines wissen: In Österreich ist das Handwerk kein normales Business – es ist eine geschlossene Gesellschaft mit eigenen Gesetzen, eigenen Regeln und eigenen Göttern.

Die Herausforderungen sind österreichisch-spezifisch: Über 120 Handwerke sind reglementierte Gewerbe, der Fachkräftemangel ist mit 65.000 offenen Stellen rekordverhocht, und die durchschnittliche Betriebsübergabe dauert hier doppelt so lang wie in Deutschland. Dazu kommt: Die Mannschaft folgt oft mehr dem Meister als dem Eigentümer. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie eine traditionsreiche Tischlerei in Salzburg, einen Installateurbetrieb in Oberösterreich oder eine Elektrofirma in der Steiermark erfolgreich übernehmen – ohne an österreichischen Vorschriften zu scheitern.

Der gewerberechtliche Geschäftsführer: Ihr Schlüssel zum Königreich

In Österreich ist der Meisterbrief kein schönes Stück Wanddekoration – er ist Ihr Eintrittsticket in eine geschlossene Gesellschaft. Ohne diesen Befähigungsnachweis können Sie kein reglementiertes Handwerk betreiben, punkt. Die Liste der betroffenen Berufe ist lang: Installateur, Elektrotechniker, Tischler, Schlosser, Kfz-Techniker – insgesamt 123 Gewerbe erfordern einen Meister. Die Lösung: Sie benötigen einen gewerberechtlichen Geschäftsführer mit gültiger Meisterprüfung.

Doch Vorsicht Falle: Diese Person muss nicht nur auf dem Papier stehen, sondern "tatsächlich tätig" sein. Die Behörden kontrollieren rigoros – mindestens 20 Stunden pro Woche muss Ihr gewerberechtlicher Geschäftsführer im Betrieb anwesend sein, anordnungsbefugt sein und die Verantwortung für die fachliche Ausführung tragen. Ein Grazer Elektrobetrieb musste 2022 seine Gewerbeberechtigung ruhen lassen, weil der gewerberechtliche Geschäftsführer nur 15 Stunden nachweisen konnte – Resultat: Ein Jahr Stillstand, Kundenverluste von 2,3 Millionen Euro.

Die österreichische Praxis zeigt: Am sichersten ist es, den bisherigen Inhaber oder einen leitenden Meister für mindestens drei Jahre zu binden. Kombinieren Sie das mit einem earn-out-Modell: Der Verkäufer erhält 30 Prozent des Kaufpreises erst nach drei Jahren, wenn die Betriebsfortführung gesichert ist. Ein oberösterreichischer Installateur übernahm dieses Modell und sicherte sich so seine Mannschaft: Alle 18 Monteure blieben, weil "der Meister" noch drei Jahre mitarbeitete. Die Investition von 450.000 Euro für das earn-out amortisierte sich durch vermiedene Rekrutierungskosten und Produktivitätsverluste innerhalb von 18 Monaten.

Die "Pfusch"-Falle: Warum schwarze Zahlen Ihr Investment ruinieren

In der österreichischen Handwerksrealität existiert ein dunkles Kapitel: Die Schwarzarbeit, im Volksmund "Pfusch" genannt. Laut AK-Wien beträgt das Volumen an nicht gemeldeter Arbeit im Baugewerbe allein in Wien jährlich 450 Millionen Euro. Doch für Sie als seriösen Investor ist dieser "schwarze" Umsatz ein Gift, das Ihre komplette Investition vergiften kann.

Die typische Situation: Der Verkäufer präsentiert Ihnen stolz seine "doppelten Bücher". Offiziell macht der Betrieb 800.000 Euro Umsatz mit 60.000 Euro Gewinn – doch der Verkäufer schwört, dass "echt" 1,2 Millionen Umsatz mit 180.000 Euro Gewinn rauskommen. Die Versuchung ist groß: Sie zahlen weniger Steuern, erzielen höhere Renditen, und die Bank sieht die Zahlen ja ohnehin nicht. Doch das ist ein Irrtum mit Folgen.

Erstens: Sie machen sich strafbar. Die Abgabenbehörde verfolgt Steuerhinterziehung rigoros – und das nicht nur beim Verkäufer, sondern auch bei Ihnen als neuem Eigentümer. Zweitens: Sie können diese "schwarzen" Einnahmen nicht finanzieren. Keine österreichische Bank akzeptiert nicht dokumentierte Einnahmen für Ihre Kreditwürdigkeit. Drittens: Die Mitarbeiter erwarten weiterhin Barzahlungen – ein Teufelskreis, aus dem Sie nicht mehr rauskommen. Ein niederösterreichischer Tischlermeister musste sein übernommenes Unternehmen nach nur 18 Monaten wieder verkaufen, weil die "schwarzen" Auszahlungen an Mitarbeiter seine Liquidität ruinierten.

Die Lösung: Kaufen Sie nur das, was in den Büchern steht. Verlangen Sie drei Jahre revidierte Jahresabschlüsse, lassen Sie die Zahlen von einem österreichischen Steuerberater prüfen, und nutzen Sie die offiziellen Zahlen als Verhandlungsbasis. Ein seriöser Handwerksbetrieb mit sauberen Büchern ist langfristig immer mehr wert als ein "Pfusch-Betrieb" mit zweifelhafter Zukunft.

Investitionsstau: Die versteckte Kostenfalle

Österreichische Handwerksbetriebe haben ein Traditionsproblem: Generationenwechsel bedeutet oft, dass jahrzehntelang nicht investiert wurde. Der alte Meister kannte seine Maschinen, pflegte sie liebevoll – aber erneuerte sie nicht. Das Resultat: Ein Fuhrpark, der aus dem letzten Jahrhundert stammt, Werkzeuge, die noch aus Zeiten der Monarchie stammen, und IT-Systeme, die mit Windows 95 laufen.

Die Kosten sind enorm: Ein durchschnittlicher Installateurbetrieb mit 15 Mitarbeitern benötigt für eine moderne Ausstattung zwischen 250.000 und 400.000 Euro. Das beginnt beim Fuhrpark: Drei neue Servicefahrzeuge kosten 120.000 Euro, moderne Werkzeugausstattung weitere 50.000 Euro. Dazu kommen Software-Systeme für Disposition und Rechnungswesen (30.000 Euro), neue Lager- und Logistikstrukturen (80.000 Euro), und nicht zuletzt die Modernisierung der Werkstätten und Büros.

Die österreichische Lösung: Verhandeln Sie ein Investitionsbudget in den Kaufpreis ein. Ein Tiroler Tischlerei-Übernehmer verhandelte 200.000 Euro Nachlass heraus, weil er nachweisen konnte, dass alle Holzbearbeitungsmaschinen älter als 15 Jahre waren. Mit diesem Budget modernisierte er den kompletten Maschinenpark – und steigerte die Produktivität um 35 Prozent. Die Bank finanzierte die Modernisierung zusätzlich, weil sie die Effizienzsteigerung in den Businessplan berechnet sah.

Wichtig: Lassen Sie eine technische Due Diligence von einem österreichischen Sachverständigen durchführen. Die TU Wien bietet spezialisierte Gutachten für Handwerksbetriebe an – investieren Sie 15.000 Euro in eine fundierte Bewertung, bevor Sie Millionen in einen veralteten Betrieb stecken.

Die Mannschaft sichern: Warum Vorarbeiter Ihre wichtigsten Mitarbeiter sind

Im österreichischen Handwerk gibt es eine ungeschriebene Gesetzmäßigkeit: Die Monteure folgen nicht dem Eigentümer, sondern dem Meister. Und wenn der Meister geht, folgt oft die halbe Mannschaft. Das ist kein Mythos – das ist Realität, die Sie mehr kosten kann als jede Maschine. Die Rekrutierungskosten für einen gelernten Installateur oder Tischler liegen derzeit bei 25.000 bis 35.000 Euro – wenn Sie überhaupt jemanden finden. Mit 65.000 offenen Stellen im Handwerk ist der Markt leergefegt.

Die Lösung: Sprechen Sie vor dem Kauf mit den Vorarbeitern – aber richtig. Nicht formell, sondern informell. Laden Sie sie zu einem "Gstanzl" ins Gasthaus ein, zeigen Sie Respekt für ihre Arbeit, und hören Sie zu. Die wahren Motivatoren erfahren Sie nicht im Büro, sondern beim zweiten Bier. Ein oberösterreichischer Installateur-Übernehmer bewies Fingerspitzengefühl: Er lud die fünf Vorarbeiter zu einem Wochenende ins Salzkammergut ein – alles auf seine Kosten. Dort, beim Heurigen, erfuhr er, dass drei von ihnen vor allem flexible Arbeitszeiten für ihre Familien wollten. Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelte er ein Schichtmodell, das allen half – und sicherte sich die Loyalität der gesamten Mannschaft.

Verzichten Sie auf Standard-HR-Gespräche. Österreichische Handwerker durchschauen das sofort. Statt dessen sollten Sie zeigen, dass Sie die Handwerkskultur verstehen: Kleiden Sie sich nicht im Maßanzug, sondern in Arbeitskleidung, wenn Sie die Werkstatt besuchen. Bringen Sie keine Powerpoint-Präsentationen, sondern ein paar gute Flaschen Schnaps für die "Jause". Und zeigen Sie konkret, wie Sie die Arbeitsbedingungen verbessern wollen – nicht mit leeren Versprechungen, sondern mit einem konkreten Plan für die ersten 100 Tage.

Konkrete nächste Schritte

Beginnen Sie jetzt mit der systematischen Suche nach geeigneten Handwerksbetrieben. Nutzen Sie die Datenbanken der WKÖ und der Handwerkskammern, aber auch regionale Netzwerke. Identifizieren Sie Betriebe, deren Inhaber das 60. Lebensjahr überschritten haben – hier stehen 40 Prozent aller Übergaben an. Prüfen Sie vorab die Gewerbeberechtigungen und die Meistersituation, bevor Sie überhaupt ernsthaft verhandeln. Budgetieren Sie 20 Prozent des Kaufpreises für Investitionen in Modernisierung – und verhandeln Sie earn-out-Modelle, die den Verkäufer für drei Jahre binden. Für die Begleitung Ihrer Handwerksbetriebs-Übernahme stehen Ihnen spezialisierte Berater im adoptabizz Expertenverzeichnis zur Verfügung.

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