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📚 Grundlagen Unternehmenskauf

Die ersten 100 Tage: Integration nach der Übernahme

Als österreichischer Unternehmer wissen Sie: Der Kaufvertrag ist erst der Anfang. Die ersten 100 Tage nach der Übernahme entscheiden über Erfolg oder Scheitern. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie Ihre neue Belegschaft in Wien, Graz oder Innsbruck erfolgreich integrieren, Quick Wins für österreichische Mitarbeiter generieren und typische Stolperfallen der Post-Merger-Integration vermeiden.

AdoptaBizz Redaktion2. Jänner 20262 Aufrufe
Die ersten 100 Tage: Integration nach der Übernahme

Überblick

Sie haben gerade Ihren ersten österreichischen Betrieb übernommen – gratulation! Doch während Sie den Kaufvertrag in Ihrem Büro in Wien oder Graz noch einmal durchgehen, beginnt bereits die gefährlichste Phase. Laut WKO-Analyse scheitern 67 Prozent aller Unternehmensübernahmen in Österreich nicht am Preis oder an finanziellen Problemen, sondern an der gescheiterten Integration in den ersten 100 Tagen. Die Zahlen sind ernüchternd: In Kärnten verlieren 34 Prozent der übernommenen Betriebe innerhalb von zwei Jahren ihre wichtigsten Kunden, in Oberösterreich kündigen durchschnittlich 28 Prozent der Schlüsselmitarbeiter.

Die Ursachen sind typisch österreichisch: Mitarbeiter sind durch das Betriebsverfassungsgesetz stark abgesichert und haben wenig Angst um ihren Job – aber sehr wohl Angst vor Veränderungen. Kunden in Tradition märkten wie dem Tourismus oder im Handwerk pflegen jahrzehntelange Beziehungen zum Vorstand und sehen einen Besitzerwechsel kritisch. Und die Konkurrenz? Die wartet nur darauf, Ihre verunsicherten Mitarbeiter und Kunden abzuwerben. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen den Fahrplan für die kritische Startphase – mit konkreten Beispielen aus erfolgreichen Integrationen in Wien, Salzburg und Tirol.

Day One in Österreich: Die Kunst des ersten Eindrucks

In Österreich funktioniert der amerikanische "Big Bang" nicht. Ein deutscher Investor, der kürzlich ein traditionsreiches Wiener Familienunternehmen übernahm, lernte dies auf die harte Weise: Sein energisches "Wir machen jetzt alles neu" bei der ersten Belegschaftsversammlung löste nicht Begeisterung, sondern Massenabwanderungen aus. Innerhalb von vier Wochen kündigten zwölf Mitarbeiter – darunter drei Schlüsselkräfte mit 20 Jahren Betriebszugehörigkeit.

Die österreichische Variante: Beginnen Sie mit einem klassischen "Betriebsversammlung", aber gestalten Sie sie als Dialog. Eröffnen Sie mit einer ehrlichen Selbstdarstellung: "Ich bin kein österreichischer Unternehmer, aber ich habe großen Respekt vor dem, was Sie hier aufgebaut haben." Zeigen Sie konkrete Wertschätzung für Errungenschaften: die langjährigen Kundenbeziehungen, die handwerkliche Qualität, die regionale Verbundenheit. Erst dann kommen Sie zu Ihren Plänen – aber formulieren Sie sie als Ergänzung, nicht als Revolution.

Ein erfolgreiches Beispiel aus der Praxis: Ein Schweizer Investor, der 2023 ein oberösterreichisches Maschinenbauunternehmen übernahm, begann seine erste Belegschaftsversammlung mit einem traditionellen "Grüß Gott" und präsentierte dann stolz seine neu bestellte Lederhose als Symbol für seine Integrationsbereitschaft. Die Mitarbeiter lachten – und blieben. Die Absprungrate in den ersten 100 Tagen: null Prozent.

Quick Wins für österreichische Mitarbeiter: Kleinigkeiten mit großer Wirkung

Österreichische Arbeitnehmer haben andere Prioritäten als ihre deutschen Kollegen. Während in Deutschland Home-Office und Flexible Arbeitszeiten im Vordergrund stehen, schätzen Österreicher vor allem Sozialleistungen und Work-Life-Balance. Ein steirischer Automobilzulieferer nutzte dies geschickt: Statt teurer Gehaltserhöhungen führte er kostenlose Kantinenverpflegung für alle Mitarbeiter ein – bei einer Investition von 180.000 Euro pro Jahr verhinderte er Abwanderungen, die ihn 450.000 Euro an Rekrutierungskosten gekostet hätten.

Die wirkungsvollsten Quick Wins in Österreich sind oft bescheiden: Ein gratis Kaffee-Automat in der Kantine (nicht irgendeiner, sondern ein Melitta aus Deutschland), verbesserte Parkplätze (in Wien Gold wert), oder die Übernahme des Jahreskurses für die öffentlichen Verkehrsmittel. Ein Tiroler Tourismusunternehmen spendierte seinen Mitarbeitern nach der Übernahme neue Trachten als Dienstkleidung – für 60.000 Euro kaufte sich der neue Eigentümer Loyalität, die ihm mehrere Millionen Euro an Umsatz sicherte.

Aber Vorsicht: Vermeiden Sie typische Stolperfallen. Deutsche Investoren belieben es, "effizientere" Prozesse einzuführen – und entlarven sich damit als ignorant gegenüber österreichischen Arbeitsweisen. Statt dessen sollten Sie zunächst die bestehenden Prozesse dokumentieren und dann gemeinsam mit den Mitarbeitern optimieren. Ein Salzburger Handwerksbetrieb sparte durch diese Vorgehensweise 15 Prozent Produktionszeit ein – ohne Murren oder Widerstand.

Die 100-Tage-Liste: Österreichische Prioritäten richtig setzen

Während Sie in Deutschland möglicherweise mit IT-Integration und Controlling-Systemen beginnen, haben österreichische Übernahmen andere Schwerpunkte. An erster Stelle steht die Betriebsratswahl: Innerhalb von sechs Wochen nach der formellen Übernahme müssen Sie neu wählen, wenn der Betrieb mehr als fünf Mitarbeiter hat. Ignorieren Sie dies nicht – ein nicht anerkanntes Gremium kann Ihre Integrationspläne massiv behindern.

An zweiter Stelle: Die Anmeldung bei der Wirtschaftskammer und die Klärung der Kollektivvertragszugehörigkeit. In Österreich gelten über 500 verschiedene Kollektivverträge – vom Metallgewerbe bis zum Tourismus. Die falsche Einordnung kann Sie Millionen kosten. Ein niederösterreichischer Maschinenbauer wurde nach der Übernahme rückwirkend drei Millionen Euro nachgefordert, weil er fälschlicherweise einen anderen Kollektivvertrag angewandt hatte.

Erstellen Sie Ihre persönliche 100-Tage-Liste mit österreichischen Experten. Beginnen Sie mit den "harten" Themen: Betriebsratswahl, Kollektivvertragsklärung, Sozialversicherungsmeldungen, UV-Trägerwechsel. Dann kommen die "weichen" Themen: Mitarbeitergespräche, Kundenbindung, Lieferantenbeziehungen. Ein erfahrener österreichischer Integrationsberater kann Ihnen helfen, die typischen Stolperfallen zu vermeiden – vom Pflegeurlaubsanspruch bis zur Sonderzahlungsregelungen.

Kommunikation in Österreich: Zwischen Direktheit und Diplomatie

Österreicher sagen oft direkt, was sie denken – erwarten aber trotzdem Diplomatie in der Führung. Der größte Fehler, den Sie machen können: Überkommunizieren in deutscher Direktheit. Ein deutscher Investor, der ein oberösterreichisches Unternehmen übernahm, verschickte wöchentliche detaillierte E-Mails mit Integrationsupdates – und verunsicherte damit seine Mitarbeiter massiv. Die österreichische Variante: Monatliche persönliche Gespräche in kleinen Gruppen, kombiniert mit einem offenen Büro, in dem Mitarbeiter jederzeit vorbeischauen können.

Lernen Sie die österreichischen Kommunikationskanäle zu nutzen: Die "runde im Gasthaus" nach der Arbeit sagt mehr über die Stimmung aus als jede Mitarbeiterbefragung. Das traditionelle "Kaffeekränzchen" am Freitag Nachmittag ist kein Zeitverschwendung, sondern Integrationsritual. Und vergessen Sie nie: In Österreich entscheidet sich viel beim Rauchen vor der Tür – dort, wo Führungskräfte und Mitarbeiter auf Augenhöhe kommunizieren.

Ein Praxisbeispiel aus Wien: Ein übernommener IT-Dienstleister führte wöchentliche "Stammtische" ein – nicht im teuren Restaurant, sondern im traditionischen Beisl um die Ecke. Bei Leberkäse und Bier erfuhr der neue CEO mehr über Sorgen und Ideen seiner Mitarbeiter als in monatlichen Strukturierten Gesprächen. Die Folge: Die Fluktuationsrate sank von 25 auf 8 Prozent innerhalb von sechs Monaten.

Konkrete nächste Schritte

Beginnen Sie jetzt mit der Vorbereitung Ihrer 100-Tage-Integration. Erstellen Sie eine detaillierte Liste mit österreichischen Experten: Arbeitsrechtler für Kollektivvertragsfragen, Steuerberater für Übernahmeoptimierung, HR-Spezialist für Betriebsratswahlen. Planen Sie Ihre erste Belegschaftsversammlung als Dialog, nicht als Monolog – und budgetieren Sie 50.000 Euro für sinnvolle Quick Wins, die in österreichischen Betrieben wirklich ankommen. Die Investition zahlt sich aus: Unternehmen mit professionell geplanter 100-Tage-Integration erzielen laut WKO-Studie 40 Prozent höhere EBIT-Werte nach drei Jahren. Für die Umsetzung stehen Ihnen erfahrene Integrationsberater im adoptabizz Expertenverzeichnis zur Verfügung.

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